Birgit Krause

Inszenierte Bühnen

Zwei Schwarzweiß-Fotografien mit regelmäßig angeordneten Quadraten von Bodenplatten, die einen in ihrer minimalistischen Anordnung an Carl Andre denken lassen. Und gleichzeitig an deutsche Fußgängerzonen, Hinterhöfe, Parkplätze. Die beiden Fotografien sind aus einer leicht unterschiedlichen Position und an verschiedenen Tagen aufgenommen, zeigen dasselbe, einen von Touristen viel frequentierten Platz in Berlin; und zeigen ihn doch nicht. So wird der Nicht-Ort in seiner Kargheit interessant. Automatisch ist man versucht, ihn zu identifizieren und in seinen Mikrostrukturen etwas über den Makrokosmos zu finden.

Die Fotografin Birgit Krause lässt mit der Doppelung und weiteren ähnlichen Aufnahmen der urbanen Landschaft in ihrem Künstlerbuch cups and balls an die Lehrmethode des formalistisch orientierten Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin denken, der Anfang des 20. Jahrhunderts im Fach Kunstgeschichte die Doppelprojektion einführte. Seine Motivation war, eine Schule des Sehens zu etablieren, und eine solche führt uns auch Krause vor Augen. Sie schärft mit ihren Fotografien von Berliner Straßen und Plätzen unseren Blick, wie sie es 2013 schon mit ihrer Serie Plánētes und insbesondere dem dazugehörigen Künstlerbuch getan hat, in welchem Illusion und optische Täuschung eine maßgebliche Rolle spielen.

Die Stadtbilder im Innenteil von cups and balls werden von einem kleineren Heft eingerahmt, das Fotografien von signalroten Teppichstücken mit mal sorgfältigem, mal ungleichmäßigem, offenbar laienhaftem Zuschnitt zeigt. Die alltäglichen Objekte sind unerwartet direkt exponiert, erhalten dadurch und durch die Akkumulation auf den folgenden Seiten eine verborgene Bedeutung, eine magische Aura. Birgit Krause fokussiert auf das Detail, erklärt nicht den Kontext, sondern löst die einzelnen Elemente aus ihm heraus, wodurch sie enigmatisch werden.

Ein Indiz auf den Zusammenhang beider Fotostrecken gibt der Titel des Künstlerbuches: cups and balls. Die roten Teppichstücke dienen als Unterlage für das Hütchenspiel, das an touristischen Orten in Berlin gespielt wird. Wo sich die Trickbetrüger überwiegend aufhalten, erfuhr Krause bei der Berliner Polizei, die ihr mehr als fünfzig konfiszierte Teppiche überließ. Die Fotografin führt uns somit das Setting vor Augen, jedoch nicht den Akt des Spiels beziehungsweise dessen Akteure. Diese finden ausschließlich sprachlich Erwähnung, am Ende des Künstlerbuchs in einer Liste zur Verschlagwortung der Fotografien des Becher- oder Hütchenspiels (von Audience bis Trickbetrug).

Dadurch unterscheidet sich Krauses konzeptueller Ansatz etwa von dem Joseph Kosuths.1 Während letzterer in Weiterführung von René Magrittes Gemälde La trahison des images mit dem Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“ jeweils einen bestimmten Gegenstand präsentiert und dessen bildliche und sprachliche Repräsentationen durchdekliniert, so wählt Krause einen abstrakten Begriff, den des Hütchenspiels, der mehrere Requisiten und Protagonisten samt deren (unhehrer) Ziele einschließt. Die sprachliche Erklärung ist daher komplementär und deckt sich nicht mit den Motiven der Fotografien, welche vielmehr das bare Potenzial eines Spiels bergen, seine Bühne bilden.

Birgit Krause, die Kunstgeschichte studierte und an der Ostkreuzschule für Fotografie ausgebildet wurde, bewegt sich in ihrer konzeptuellen Herangehensweise an den Rändern des Dokumentarischen und präsentiert uns Tatort-Fotografien – ohne Opfer, Waffe, Indiz. Und bietet nebenbei einen Querschnitt zeitgenössischer Straßenbeläge. Der Fokus auf den Boden schafft eine Projektionsfläche und lässt persönliche Assoziationen zu, sind diese Bilder doch bereits ins kollektive Bildgedächtnis eingegangen, mit dem unbewusst alles abgeglichen wird.

Vergleichbar mit den Mechanismen des Becherspiels selbst treibt Krause mit ihrem Künstlerbuch ein Spiel von Anwesenheit und Abwesenheit, Verstecken und Aufdecken, Sehen und Erahnen – und ähnelt in der Rätselhaftigkeit ihrer Bilder schließlich mehr dem Surrealismus Magrittes als der Nüchternheit Kosuths.

Neben dem Künstlerbuch hat Krause unter dem Übertitel cups and balls weitere Arbeitszyklen geschaffen. Für eine Serie mit Autogrammkarten hat sie sich Found Footage bedient und dokumentiert ein Phänomen der 1980er Jahre. In den Anfängen des Fernsehsenders RTL überbrückte die tägliche Kurzsendung Pronto Salvatore mit dem Becherspiel die noch nicht ausgefüllten Werbepausen und verhalf dem Privatsender unverhofft zu fantastischen Einschaltquoten. Die Faszination für das Spiel des als italienischen Gauner stilisierten Salvatore ging offenbar so weit, dass Autogrammkarten für die Kunstfigur bzw. ihren Darsteller Franco Campana geschaffen wurden. Eine Entdeckung in Krauses Recherche, die bestätigt, dass in unserer Gesellschaft eine breite Faszination für dieses magische Spiel besteht. Und gleichsam eine Parallele zu ihrem Künstlerbuch: Auch bei RTL wurde eine leere (Werbe-)Fläche in Szene gesetzt.

Ausgangspunkt für ihr Projekt cups and balls waren Bücher zur Zauberkunst, welche die Künstlerin in Archiven und auf Flohmärkten gefunden hat. Einem von diesen entlehnt sie für einen weiteren Arbeitszyklus die Fotografie eines mit Langzeitbelichtung aufgenommenen springenden weißen Balles. Von links oben aus einem dunklen Hintergrund kommend scheint sich der Ball im grauen rechten Vordergrund von seinem Lichtschweif getrennt zu haben und losgelöst von seiner Wegstrecke zu schweben. Er wirkt ähnlich exponiert wie die von Krause portraitierten Teppichstücke und evoziert ebenfalls eine ungeahnte geheimnisvolle Kraft.

In der Serie Let's ball vervielfacht Krause nun diese Schwarzweiß-Fotografie und reiht jeweils drei Bilder in drei Reihen so aneinander, dass die diagonal verlaufenden Lichtwellen im Neunerensemble keine erkennbaren Muster, keine durchgehende Serialität zeigen. Dieses Spiel führt Krause viermal aus und präsentiert den Betrachtern nun vier vermeintlich identische Varianten, wodurch sich erneut die Assoziation zu Wölfflins Schule des Sehens aufdrängt. Die uns bekannten Muster werden durch kleine Abweichungen gebrochen, das Einzelbild scheint sich der rationalen Anordnung zu verweigern. Wie in Krauses Künstlerbuch treffen konzeptuelle Strenge und magische Momente aufeinander, was in Anlehnung an Hartmut Böhme keinen Widerspruch darstellt.2 Die Künstlerin dokumentiert mit ihren Arbeiten zum Becherspiel vielmehr, dass gerade der aufgeklärte moderne Mensch Mystik im Alltag benötigt, um Humanität zu bewahren, sich nicht zu entfremden.

„In unheimlicher Weise sind wir als Subjekte und ist unsere Kultur auf eine dauernde Verzauberung angewiesen, um sich vor Dissoziation, Anomie und Zugehörigkeitsverlust zu schützen.“3

Conny Becker
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1
Im Unterschied zu Kosuth fotografiert Krause selbst und recherchiert die Begriffe für die darauf folgende Verschlagwortung.
2
Vgl. Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek 2006, S. 30
3
Ebd. S. 25
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