Birgit Krause

From the sky of Wu

„Die Gottheiten der Verführung betörten mein Herz und die Wegegötter winkten mir zu ...“
(Matsuo Bashō , Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland, 1689
)

In ihren Bildern transformiert die Berliner Künstlerin Birgit Krause nicht selten die Objektwelt in abstrakte und kosmologisch assoziierbare Affektbilder. Obwohl sie meist unscheinbare und natürliche Szenen in Ausschnitten erfasst, erweist sich das Gezeigte als aufgeladen mit ästhetischer Bedeutung. Irdische Ingredienzien steigern sich zu neuartigen, oft metaphysisch und mythologisch konnotierten Bildwelten. Einerseits wird dem Betrachter bewusst, wie klein und unbedeutend der Mensch angesichts der Kräfte des Universums und des Lebens ist. Andererseits bieten ihm Krauses Bilder eine Möglichkeit zur Kontemplation und mentalen Durchdringung.

Ihre Art der Einfühlung in die Objektwelt erinnert an ein berühmtes japanisches Reisetagebuch des 17. Jahrhunderts mit dem Titel „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland. Der Dichter Matuso Bashō machte sich gemeinsam mit seinem Freund Kawei Sora auf eine fünf Monate dauernde Wanderung durch den unzugänglichen Norden der Insel. In das Reisetagebuch gelangte Profanes direkt neben Erhabenem. Die Reise folgte einer japanischen Tradition, in der die dichterische Wahrnehmung des unmittelbar Erlebten im Vordergrund steht, jedoch einer strengen Form der Ausgestaltung unterworfen bleibt. Das Gesehene und Erfahrene wurde als Haibun festgehalten: in Form einer kurzen Prosaskizze mit angehängtem Haiku.

Diese Form der formalen Vorgabe bei gleichzeitiger visueller Offenheit scheint die Berliner Fotografin auf ihrer eigenen Japan-Reise inspiriert zu haben. Der Titel ihrer Serie verweist direkt auf Bashōs berühmtes Reisetagebuch. Ihre Reisebilder laden sich mit Assoziationen, Bedeutungen und Widersprüchen auf, dennoch gerinnen sie durch die Form der Darstellung und Komposition zu eigenständigen Ausdrücken. Die Sichtweise der Fotografin ist zutiefst subjektiv, gleichwohl unterzieht sie jedes ihrer Bilder einer genauen ästhetischen Prüfung und versieht es mit einem tiefen visuellen Charakter.

Es erhält nur dann einen festen Serienplatz zugewiesen, wenn es bestimmte ästhetische, emotionale und sinnliche Kriterien erfüllt. Diese Kriterien entspringen einer intensiven Suche nach der idealen Form bei größtmöglicher sinnlicher Präzision. Es sind flüchtige Reise-Hologramme einer Erfahrung der Dauer, des Sehens, des Erstaunens und des Befremdens. Die Wirklichkeit in ihnen ist weit mehr als nur der bloße, dargestellte Gegenstand.

Diese fotografische, im wahren Sinne des Wortes multivalente Versinnbildlichung zieht sich als Modus Operandi durch das gesamte Werk der Berliner Fotografin. Ihre Japan-Bilder drücken gleichermaßen Befremden und Nähe zu einem Land und einer Kultur aus, deren Sprache die Fotografin zwar nicht spricht, deren Zeichen und Motive ihr aber auf einer anderen Ebene der Wahrnehmung allzu vertraut erscheinen. Sie entstammen jenem fernen, exorbitanten und geheimnisvollen Land namens „Wu“, von dem der Serientitel kündet und das zu entdecken, uns die Fotografin mit den Bildern aufgibt.

Stephan Reisner